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Andacht von Pfarrer Briesovsky

Liebe Leserinnen und Leser,

auf der Titelseite lesen Sie das Bibelwort, das die Reformation angestoßen hat. Der Apostel Paulus hat es 55 n.Chr. der Gemeinde in Rom geschrieben. Dieser Brief hat über die zurückliegenden 2000 Jahre eine enorme Wirkungsgeschichte entfaltet. Augustinus im 4. Jahrhundert ebenso wie Karl Barth im 20. Jahrhundert haben dank dieser Schrift weltverändernde Impulse empfangen. Die berühmteste Wirkung aber ist die Reformation. Sie kam ins Rollen, weil Martin Luther stark irritiert war von dem vorn zitierten Satz aus dem Römerbrief, da dort steht, dass im Evangelium (deutsch: „gute Nachricht“) Gottes Gerechtigkeit offenbart wird. Luther hatte alles unternommen, um der Gerechtigkeit, die Gott durch seine Gebote (das Gesetz) vom Menschen fordert, zu genügen und ... war daran verzweifelt. Er hatte festgestellt, ich schaffe es nicht. Das Evangelium - wenn es denn, im Unterschied zum Gerechtigkeit fordernden Gesetz eine gute Nachricht ist – sollte in dieser Verzweiflung eine Hilfe sein.

Aber hier beim Apostel Paulus im Brief an die Römer schien die Heilige Schrift zu sagen, dass auch das Evangelium nur aufzeigt, was Gott als Gerechtigkeit vom Menschen fordert. Was war daran eine gute Nachricht? Dieser Widerspruch beschäftigte Luther, bis ihm aufging, dass Paulus mit „Gerechtigkeit Gottes“ nicht an die Gerechtigkeit denkt, die ein Mensch Gott schuldet, sondern dass hier von einer Gerechtigkeit die Rede ist, die dem Menschen von Gott geschenkt wird. Und das nicht weil er es sich verdient hat, sondern aus Gnade. Er muss nur der guten Nachricht, die ihm im Evangelium gesagt wird, vertrauen d.h. glauben.
So wird dann auch der letzte Satz aus dem Zitat des Paulus verständlich: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Also nicht weil ein Mensch so gerecht gelebt hat, kommt er in den Himmel, sondern weil er der Zusage der Vergebung glaubt, die das Evangelium ihm, dem bedrückten Sünder, verheißt. Nun ist diese (Wieder-) Entdeckung des Evangeliums 500 Jahre her und in den evangelischen Kirchen ist das, was Martin Luther beflügelt hat, zu einer vermeintlichen Selbstverständlichkeit (einem Prinzip) geworden: Wir werden aus Gnade gerettet und brauchen nichts dazu tun. Der Eintritt in den Himmel wird uns geschenkt – einfach so, weil Gott sowieso alle liebt. Wozu dann noch sichbemühen um gute Werke und ein frommes Leben vor Gott?
Dietrich Bonhoeffer hat das als „billige Gnade“ scharf kritisiert. Er schreibt: „Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. ... In einer solchen Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes. Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders.“ Schon den ersten Christen scheint diese Gnade nicht mehr bewusst gewesen zu sein. Paulus kommt in seinem Brief nach Rom auch auf die zu sprechen, die Gottes Gnade für etwas Selbstverständliches halten. Ihnen schreibt der Apostel: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, amit die Gnade um so mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir noch in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“ (Röm. 6,1-2) Ein Christ, dem Gottes Wille egal ist, ist nach Paulus ein Widerspruch in sich selbst. Gottes Gnade will uns zu einem neuen Leben bewegen und das ist wichtig:
1. als Dank gegenüber Christus, der für diese teure Gnade am Kreuz sein Leben gab!
2. für uns selbst, denn warum wollen wir der Sünde, die uns letztlich zerstört, wieder Macht über uns einräumen?
3. für andere, dass sie an uns sehen, wie heilsam und schön es ist, aus der Gnade Gottes zu leben und so durch uns auf Christus aufmerksam werden.
Wenn wir in solcher Weise dankbar auf die Wiederentdeckung des Evangeliums schauen, dann werden wir auch das 500. Jubiläum recht feiern.

Ihr Pfarrer Briesovsky