Kirchgemeinden Neukirch & Steinigtwolmsdorf

Andacht von Pfarrer Briesovsky

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie.“

Jes 11,6

Liebe Leserinnen und Leser,

fern jeder Realität. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes zu schön, um wahr zu sein! Ein Wolf, der friedlich im Stall eines Lammes Unterschlupf findet. Ein Panther der arglos bei einem Ziegenböckchen liegt und Mastkälber, die gemeinsam mit Löwen von einem kleinen Jungen auf die Weide getrieben werden. „So ein Quatsch!“, könnte man sagen und sich etwas Vernünftigerem zuwenden. Glaubt Jesaja eigentlich selber was er da schreibt?
Liebe Leser, ja, er glaubt das! Er hat eine Welt vor Augen, in der „Fressen und gefressen werden“ nicht mehr existieren. Es ist die Welt, um die wir beten, wenn wir im Vaterunser sprechen: „Dein Reich komme!“. Es ist eine Welt, die völlig eins ist mit dem Willen ihres Schöpfers. In dieser Welt gibt es einfach niemanden, der sich dem Willen des Schöpfers zu entziehen versucht.In Vers 9 wird deshalb auch vom Menschen gesagt: Man tut nichts Böses / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg. Aber wie kommt Jesaja zu einer solchen Vision? Der Prophet erlebt 700 v. Chr. den Untergang des Nordreiches Israel, das durch die Assyrer erobert und zerstört wird. Mit dem Südreich Juda und seiner Hauptstadt Jerusalem bleibt vom alten Israel, das einst unter König David und seinem Sohn Salomo ein stolzes Land war, nur noch ein unbedeutender Stumpf übrig. Eine tiefe Finsternis hat sich über das Land gelegt.In dieser Finsternis aber schenkt Gott Jesaja Lichtstrahlen, die ihm einen Blick in die Zukunft eröffnen: Der abgehauene Stumpf wird zu neuem Leben erwachen: Ein Reis (Zweig) wird aufwachsen aus dem Wurzelstumpf Isais (König Davids Vater). Ein Zweig aus seiner Wurzel wird eine wunderbare Frucht hervorbringen.
Gott tröstet sein Volk und verspricht ihm durch seinen Propheten: Eure Zeit ist nicht abgelaufen. Erwartet die Geburt eines Kindes, eines Kindes, mit dem alles anders wird! Daher geht der Blick des Propheten auch noch etwas weiter in die Zukunft. Der Prophet schaut Jahre voraus; wenn dieses kleine Kind einmal erwachsen sein wird, dann wird es als der neue König, der aus diesem Wurzelstumpf geboren wurde, einen neuen Geist in die Welt bringen: „Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“ Zum Schluss sieht Jesaja dann in eine ganz ferne Zukunft. Und aus diesem Abschnitt stammt der Monatsspruch vom Januar. Dieses Kind wird einmal eine ganz neue Welt hervorbringen. Eine Welt in der selbst Grundgegebenheiten der jetzigen Welt wie „Fressen und gefressen werden“ im Tierreich der Vergangenheit angehören. Jesaja erblickt hier schon nicht mehr diese Welt. Er sieht eine neue Schöpfung in der alle in einem umfassenden Frieden miteinander und mit Gott leben. Um das Kommen dieses Reiches
bitten wir, wie gesagt im Vaterunser.
Alles beginnt aber ganz klein – mit einem Kind, das „uns“ geboren ist. (Jesaja 9,5) Dieses Kind, das im Stall von Bethlehem geboren wurde, ist aber nicht nur irgendein Kind, sondern in ihm kommt Gott selbst in diese Welt. Mit ihm erfüllen sich die Heilsankündigungen Jesajas. ER ist der neue König, der Sohn Davids, aus dem Haus des Stammvaters Isai. Gott hat durch seine Verheißung an Jesaja einen Keim der Hoffnung in die Herzen seines Volkes eingepflanzt. Und dieser Hoffnungskeim hat Israel auch in finstersten Nächten nicht aufgeben lassen. Mit der Geburt Christi begann sich zu erfüllen, was bei Jesaja verheißen wurde: ein neues Reich des Friedens mit Gott nimmt in Jesus Gestalt an.
Es kommt nicht als neuer Staat, es ist kein Land, das man auf der Weltkarte finden wird. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ sagt Jesus. Aber in denen, die ihn lieben, die sich auf seinen Namen taufen lassen und ihm nachfolgen, in ihnen lebt es schon. Durch sie will Gott die Hoffnung auf eine neue Welt auch heute unter uns aufleuchten lassen undin die Herzen der Verzagten legen. Bist du dabei?
Eine frohe und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit
Ihr Pfarrer Briesovsky